„Und eins, und zwei, und drei, und vier,



ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm, und vorwärts -  rückwärts – seitwärts – stopp, und eins, und zwei, und drei, und vier,…“ Seit einer Viertelstunde geht mir der Refrain nicht mehr aus dem Kopf. Überhaupt fallen mir ständig Wanderlieder ein und erinnern mich an meine Schulzeit. Pro Semester fand mindestens ein Wandertag statt. Heiß geliebt waren sie nicht, aber selbstverständlich. 

Man bewegte sich ständig an der frischen Luft. Und heute? Heute fährt man mit dem Auto zur Laufstrecke. Oder läuft im Fitnessstudio am Laufband. Es ist schon eine verrückte Welt, in der wir leben!

„Und eins, und zwei, und drei, und vier,….“ Seit halb fünf Uhr früh bin ich jetzt im Burgenland unterwegs. Es geht darum den Neusiedler See zu umrunden und zwar in 24 Stunden. Komischerweise hat niemand versucht, mir die Tour ausgeredet. Sogar Freunde, die wissen, dass ich bei Schlechtwetter keinen Fuß vor die Türe setze und  ich meine Laufzeiten nach dem Thermometer (mindestens 10 Grad plus) plane, spornten mich an. Und ich? Ich wollte es einfach wissen. Was ist möglich? Was kann mein Körper leisten, der Tag für Tag, Stunde um Stunde, hinter dem Schreibtisch versumpft?
Rückblick
Gemeindeamt Oggau, 30. Jänner, nachmittags. Das Zimmer der Mütterberatung wurde kurzfristig in das Startsackerlausgabezimmer umfunktioniert. In der einen Ecke tauschen sich die Profis über Trinkrucksäcke, Magnesiumtabletten und Spikes aus. Am anderen Ende des Zimmers wird der Streckenplan durchgegangen. Es herrscht ständiges Kommen und Gehen, Startsackerl werden abgeholt, Freunde getroffen, es wird gelacht und gescherzt, die Stimmung ist super. Für das Frühstück ab 3:30 am nächsten Morgen ist schon alles vorbereitet: Milchzöpfe, Brot und Aufstriche, kistenweise Bananen und Äpfel und literweise Tee und Kaffee warten auf die Teilnehmer der 24 Stunden Burgenland extrem Tour.
Einige Stunden später: Um 6:30, nach zwei Stunden Fußmarsch erreiche ich die ungarische Grenze. Noch sind Ortsschilder wichtig. Wieder zwei Stunden später stehe ich an der ersten Versorgungsstation in Balf und decke mich mit Tee, einem Müsliriegel und einer Banane ein. Und mache den ersten Fehler. Ich bleibe zu lange stehen. Mir wird kalt. Eiskalt. Also, Rucksack schultern, und weiter geht’s durch ein Stück Ungarn.


Rückblick
Ferienmesse Wien, 16. Jänner. Michael, einer der Organisatoren der 24 Stunden Burgenland extrem Tour, unterhält sich mit mir über die Tour. In der Messehalle ist es stickig und heiß, die Organisatoren werden herumgereicht und mit dem Landeshauptmann fotografiert. Mir bleiben eigentlich nur zwei Sätze in Erinnerung: „Wir sind keine Esoteriker!“ und „Es gehört auch Mut dazu aufzugeben!“. Der zweite Satz beschäftigt mich.

Es ist so um die Mittagszeit. Mittlerweile sind Ortsschilder, Kilometerangaben und Uhrzeit für mich nebensächlich geworden. Fotografieren mag ich auch nicht mehr. Wichtig ist nur, dass mein Körper funktioniert. Und er funktioniert. Besser als erwartet. Und als ich Hegykö und die zweite Versorgungsstation hinter mir lasse, geht es mir richtig gut. Mein Körper hat sich warm gelaufen.

Ich beobachte die Gänse, die in Formation über die Steppe fliegen, und immer wieder wandert mein Blick nach links, zum Neusiedler See. Ein Rudel Rehe schreckt auf und stobt auseinander. Wahnsinn, ist das schön hier!


Rückblick
Gemeindeamt Oggau, 31. Jänner, 4 Uhr früh. Das Gemeindeamt ist voll. Marathonläufer, Geher, Pilger, Wanderer und Hobbysportler scharen sich um die Teebehälter, schmieren sich Aufstrichbrote und stopfen Bananen und Äpfel in die Rucksäcke. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen. Noch habe ich Zeit meine Ausrüstung zu überprüfen, meine Thermosflasche mit Tee zu füllen und letzte Fotos zu machen. Um 4:30 erfolgt dann der Startschuss, und ich stapfe los. Ich bin aufgeregt. Wie weit werde ich kommen?

Mit meinen Mitwanderern ergeben sich nur kurze Gespräche, angefangen wird entweder mit den Worten: „Erstes,  zweites oder letztes Mal?“ und „Na, geht’s nu?“. Erlebnisse von der Tour des letzten Jahres werden erzählt (die Gegend um Balf heißt offenbar die Blasenstrecke).

So um Kilometer 50 wird mir wieder kalt. Heißer Tee und flotteres Gehen helfen nicht. Ich bin erleichtert, als ich den Kirchturm von Apetlon erkenne. Und dann: das Ortsschild von Apetlon! 60 km. Die Hälfte habe ich geschafft. Aber bin ich schon am Ziel oder kann ich noch weiter gehen? Klar ist mir, mein Körper kann. Meine Füße schmerzen, aber nur wenig, und ich habe keine Blasen an den Zehen.

Und dann mache ich den zweiten Fehler. Ich setze mich in die Gaststube und schäle mich aus Haube, Schal und Handschuhe. Ooooh, hier ist es schön warm. Mhmmm, und die Frankfurter schmecken gut. 

Und ich weiß, da draußen steht ein Bus, der mich in null Komma nichts nach Oggau bringt. Ich bekomme zwei SMS, einmal mit „Du bist verrückt, aber geh’ weiter!“ und eines von einer Freundin aus Podersdorf, die mir anbietet, mir entgegenzugehen. Ich überlege. Weitergehen oder Aufgeben? Weitergehen oder Aufgeben? Noch in der Gaststube erzähle ich großspurig, dass ich weitergehe. Und kaum bin ich draußen, erinnere ich mich an Michaels Satz: „Es gehört auch Mut dazu aufzugeben“.

Dank an
Gudrun Krinzinger

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